Die Geschichte vom Bauen einer Burg



Die Geschichte vom Bauen einer Burg ist wohl sehr alt und ziemlich bekannt: So gibt es einen Burgherr mit vielen guten Fähigkeiten, der dann erlässt eine Burg zu bauen; der die Leute dafür begeistert und sie hinter den Mauer beschützt, sie arbeiten, leben und lieben und auch sterben lässt.

Es ist am besten eine Burg an einem steinigen Berg zu bauen, denn da ist es am leichtesten, das schwere Material zu beschaffen und die Sicht ist dann weit, weit…

Dass es an so einem steinreichen Berg auch Höhlen gibt, in welchen das Wasser durch die Erde und das Gestein sickert und tropft, das ist auch eine alte Geschichte.

Und am Boden so einer Höhle gab es eine Steingrube, von einem Höhlengeiste gemacht für dieses Wasser, um diese kostbare Tropfen zu sammeln, denn sie waren reiner als Tränen aller verlorenen Träume, die in einer Burgmauer begraben worden waren.

Die Menschen kamen gerne zur diese Höhle, um sich von der schweren Arbeit zu erholen, sich zu reinigen, sich zu erfrischen. Sie waren den ganzen sommerlang der schweren Arbeit ausgeliefert, hatten manche Falten im Gesicht, manche Narben, auch Warzen…waren ziemlich erschöpft. Zufrieden waren sie nicht, von Glück ist hier nicht die Rede!

Unten angekommen tranken sie das frische Wasser und wie es mit Wasser so ist: Sie spiegelten sich im steinigen Becken, das ständig von den Tropfen gewellt war. Wundert es einen, wenn diese Menschen über sich selbst bei dieser Halbdunkelheit und der unruhigen Wasseroberfläche dachten, dass ihr Gesicht ganz verknittert, verklumpt, verzerrt war?!

Als sie rausgingen fühlten sie sich entspannter, sauber und glaubten an den Zauber dieses Grubenwassers. Wie auch in der heutigen Zeit, wo Unklarheit herrscht, entsteht blühende Fantasie, passierte es damals auch: Die Menschen begannen in der Höhle schöne Tänze der Freude zu tanzen, fingen zu singen an, sich selbst und gegenseitig zu berühren und zu beschreiben: Du gesättigtes, warmes Wildtier, das mich mit seiner sanfter Pfote streichelst, oder du dunkle Fee der Smaragdsteinhöhle, bringe mich in die Tiefe…und solche Worte sprachen sie aus…Und das gefiel ihnen so sehr, dass sie sich bemühten ein ganz glattes Gesicht zu bekommen und gingen immer wieder hin! So lange, bis das Wasser aus der Grube fast ausgeschöpft war und sie überdreht vom Tanzen und vor Freude waren. Sie wackelten dann den Berg hinauf, als ob sie den feinsten Wein, der nur der Burgherr trank, mitgetrunken hätten!

Der Burgherr dagegen hatte ein anderen Spaß gewonnen: Er aß und trank in und um die Burg, die ihm alles bedeutete. Anfangs beobachtete er seine Untertanen mit einem kritischen Blick, aber dann wurde er immer misstrauischer:

Was sprechen die Menschen in der Höhle, was passiert unten ohne mein Wissen? Bilden sie etwa eine Verschwörung gegen mich?“

Endlich entschloss er nach unten zu gehen, die Sache zu begutachten. Als er unten ankam, war die Höhle menschenleer und sah für ihn sehr gefährlich aus. Er wollte nicht sein Vorhaben ändern, wollte das Geheimnis erfahren, also ging er hinein, aber zuerst sehr vorsichtig. Ziemlich leise sprach er seinen Namen aus, gebeugt tastete er die Wände mit seinen Händen ab, gewann dann an Sicherheit und ging ein paar Schritte tiefer hinein. Und dann… dann rutschte er an der glatten, fast ausgetrockneten Grube aus, fiel und schlug mit seinem Kopf an einem Stein und starb.

Seine Untertanen waren etwas erschrocken, verstanden aber bald, dass der wildeste Tänzer von der Höhle ihr neuer Burgherr sein muss! Und sie warteten den Regen ab und hofften auf gesickertes Wasser in der Grube. Aber der Höhlengeist ließ sie darauf einen ganzen winterlang warten, so lange bis ihr Verstand vom Tanz und Trunk klarer wurde.





Diese Geschichte hat in einem fernen Land angefangen





Diese Geschichte hat in einem fernen Land angefangen, dort wo man sagt: Ein Baum lehnt sich an einen anderen Baum, ein Mensch an anderen Mensch.

Dann siedelte sie in ein anderes Land, in welchen man spricht: Der Neid ist der größte Feind.

Was kann auf einen Baum neidisch werden, was bewundert so stark seine Beständigkeit, seine Verschwiegenheit, die Größe und sichtliche Schönheit bei aller Zeit? …Ja, rate mal…natürlich …der Wind, der diese Merkmalen nicht hat.

Er ist nicht weniger wertvoll als der Baum, nein, nein.

Der Wind hat auch seine Qualitäten: er kann sich ziemlich gut verstecken und dann sich selbst so rein schaukeln, so aufpusten, dass der dichtester Wald davon Angst und Respekt kriegt.

Ich, als Erzähler, als Betrachter diese beiden, bewundere sie, bin auf beide etwas neidisch, habe von ihnen auch Angst und das wichtigste: Ich habe starke Hoffnung, dass die Geschichte gut ausgeht.

Am einfachsten wäre, dass einer von diesen beiden siegt. Aber, der einfache Weg ist nicht immer auch der beste. Sieg des Windes heißt Niederlage des Waldes und umgekehrt. Damit ist ein heimlicher Krieg erklärt! Und ich möchte Frieden!

Also suchte ich nach etwas, was meiner Hoffnung auch eine Basis, eine Grundlage gibt.

Und ich fand es hinter dem Wald, oder vor dem Wald, je nachdem, woher der Wind weht. Dort stand ein einzelner Baum mit dicken, knorrigem Stamm, der so groß war, dass man ihn mit dreimal ausgebreiteten beiden Armen umfassen könnte! Und seine Krone? So etwas haben nur Leute gesehen, die nach Besonderheiten suchten!

Ich setzte mich in seinen Schatten und überlegte lange, wie er beim Wind, so ganz alleine überleben könnte? Ganz schlüssig bin ich nicht geworden?!

Ich ahnte nur in seinen Augen die früheren Verletzungen-abgebrochene Äste; in seiner rauen Rinde sah ich Spuren vom Wind und in der Krone sah ich den ganzen Stolz der grünen Blätter und gewissen Trotz, als ob er sagen würde: Als Samen bin ich mit dem Wind weit geflogen, bin ein Vorbote des Waldes, der Dämpfer des Windes, ein Friedensgeselle bin ich und habe viele, viele Samen in meiner Krone. Wartet, irgendwann ist es so weit…

In seiner Schnelligkeit hörte der Wind nur teilweise die Botschaft des Baumes; Der Wald hörte in seinem Kummer nur das, was er hören konnte.

Und ich bekam neben der großen Hoffnung auch einen starken Wunsch, dass viele einzelne Bäume dieser Sorte wachsen.

Wartet, bald ist es so weit…





Du meine Muse, Du Trunkenheit



Du, meine Muse; Du, Trunkenheit!

Still steh` ich am anderen Ufer, am leeren Strand,

bewundernd die Kräfte, die Gefühle, welch` entflammen!

Wer wartet auf wen in dieser Dunkelheit?!

Oh, reich mir deinen Flügel, ich geb` dir die Hand

und lass uns drüber schwebend neue Kräfte sammeln.



Hier ist alles ruhig, nur Wellen rauschen

in dieser Mündung letzten Strahlen in die Nacht,

nun unseren Spuren im diesen feuchten Sand

verwechseln ihren Schatten, Worte vertauschen,

bis schönsten Traum im Morgen erwacht,

und im Reim verkörpert erweckt er das Land.



28, 29. 03.2016



Mal anders als gedacht


Ich dachte, dass er mich wie Luft übersieht, doch das hat sich als ein Windei entpuppt. Er starrte mich mitten auf der Kreuzung an und sagte: „Warte, dich kenne ich!“

Ich lächelte ihn an wie ein Honigkuchenpferd und dachte: Bleib stehen, du bist wichtig; Sagte aber ganz vorsichtig zu ihm: „Sie erinnern sich noch an mich?“

Ja, ja, dich kenne ich!“ Er streckte mir seine Hand hin. Ich nahm seine trockene, knochige Hand an und fragte mich selbst: Wie viele Scheine er schon mit denen geblättert hat? Bemerkte aber schnell: „Es ist nett, Sie zu sehen.“

Hr. Jakob war ein Bankier. Ich kannte seine Tochter gut und erhoffte mir so manches. Sie hat dann jemanden anderen geheiratet. Aber Hr. Jakob verwaltete schon immer mein Geld. Keine großen Summen, nun egal. Deshalb dachte ich, dass er mich nicht persönlich kennt. Ich irrte mich. Dies erfreute mich sehr. Ich sah sofort das gute Wertpapier zu mir flatternd; leicht und bunt sah ich um mich herum.

Das ist ein guter Tag, dachte ich und sprach zu ihm: „Wie geht es Ihnen?“

Gut geht es mir“, war seine Antwort. „Und dir? Hast du schon mal über ein Eigentum nachgedacht“ und bevor ich was sagen konnte fuhr er fort. „Wir haben gute Konditionen, sehr gute sogar, komm mal bei mir vorbei. Nun ist meine Pause bald zu Ende, komm einfach mal vorbei“ und er ließ mich mit einem offenen Mund und winkend am Straßenrand stehen.

Natürlich freut sich ein junger Mensch über eine solche Anrede. Und ich freute mich auch. Ich habe das Geld auch als Kind sehr gerne gehabt und ich glaubte, es würde mir im Alter auch viel bedeuten. Nun war es dann eine gute Gelegenheit, an so einen Batzen Geld zu kommen. Das war eine gute Sache. Verträumt und durchdacht verbrachte ich den Rest des Tages. So viele Gedanken unter einen Hut zu bringen war wirklich eine Kunst. Ich verzehrte mich dann den ganzen Abend an diesem Kunststück. Zuerst sah ich mich mit einem schnellen Auto fahren. Natürlich nicht alleine. Ich nahm Miriam mit. Und dann plante ich, mir ein Häuschen zu bauen. Mit schönen Wendeltreppen. Das inspirierte mich. Ich zeichnete gleich an diesem Abend mein Haus. Ich erinnerte mich, dass meine Oma mal gesagt hat: Wo ein Willen ist, ist auch ein Weg. Ich glaubte fest daran. Ich trauerte schon früher, weil ich von meiner verstorbenen Tante nichts erbte. Das hat mir meine Verwandte nicht gegönnt. Nun bekam ich meine Chance. Ich werde schon an die Scheinchen kommen und werde besser als die Erben wirtschaften. Hr. Jakob wird mir helfen. Ich entschied, ihn morgen gleich nach der Arbeit zu besuchen. Bevor er es vergisst.


So voller Eifer und Freude sprach ich am selben Abend mit meinem Vater darüber.

Was willst du mit dem Geld machen?“

Ein Auto oder ein Haus kaufen.“

Fürs Auto spart man. Und das Haus?! Kannst bei uns wohnen bis wir sterben und danach hast das Haus.“

Dies passte mir gar nicht. Wie eine trübe Wolke verdunkelte sich mein Gemüt. Erstens: Ich wollte nicht mit meinen Eltern wohnen. Und zweites: Ich wollte nicht, dass sie sterben. Und drittens, was am meisten an meinem Glück kratzte, war: Ich wollte das Auto so schnell wie möglich haben.

Ich legte den Hörer auf und blickte stumpf durch das Fenster in die Abenddämmerung. Musste mein Vater mir alles verderben? Ich entschied trotzdem, morgen Hr. Jakob zu besuchen, aber mir mit der Leihgabe Zeit zu lassen um die Ideen sinken zu lassen. Musste ich wohl, ob ich wollte oder nicht, weil meine Vernunft langsam zum Vorschein kam.

Die ganze Nacht wurde ich das Gefühl nicht los, dass andere Menschen meinen Weg bahnen. Ich wusste nicht, wie ich es ändern konnte. Ich befürchtete auch ein bisschen, dass das Gespräch mit Hr. Jakob schief gehen könnte. Ich stand ganz früh auf und machte mir Notizen. Da ich realistischer wurde, legte ich die Idee mit dem neuem Wagen und dem Haus ab. Aber an das Geld wollte ich auf jeden Fall kommen. Ich musste mir Gedanken machen, wie ich es investieren und etwas verwirklichen konnte, ohne, dass andere dies als schlecht beurteilen. Und so, dass es mir eine Freude macht. Schließlich wäre es mein Geld gewesen! Meine Idee musste handfest, einzigartig und gut durchführbar sein. Ich bin ein besonderer Mensch und schätze originelle Sachen. Ich spürte doch diese gewisse Reife. Vielleicht werde ich ein Veranstalter für große Konzerte? Mal so richtig gute Leute kennen lernen. Oder ein Galerist? Oder selbst eine Platte aufnehmen? Das war schon längst ein Wunsch von mir. Ich wusste nicht genau, was mit dem Geld anzufangen war, aber ich trauerte nicht ums Haus oder um das schnelle Auto. Ich erfreute mich sogar erneut am meinem alten Wagen. Doch wollte ich noch am selben Tag eine Entscheidung treffen und war mit mir selbst ungeduldig. Ich überlegte, noch vor der Arbeit meinen Vater anzurufen, sagte aber zu mir selbst: Nein, dies entscheidest du selbst!

Ich arbeitete als Immobilien-Makler; brachte das Geld ins Haus aber es langweilte mich etwas. Ich habe da meine Überredenskünste geübt und das Organisieren. Und mich immer auf den Feierabend gefreut. Ein paar Menschen glücklich gemacht, etwas über Architektur erfahren und mir was anderes gewünscht. Jetzt gibt es eine feine Gelegenheit für meine Wünsche. Ich darf sie nicht verpassen! An dem Tag richtete ich es so, dass ich kurz vor Schluss Hr. Jakob besuche.

Am besten für mich wäre es, eine Platte aufzunehmen, glaubte ich schließlich. Ob man mir glaubt oder nicht: Ich hatte so ein paar Melodien auf Lager. So richtig feine Sachen. Habe schon früher geschrieben, so was mir einfiel. Über das Leben und drum herum. Ich könnte es aufputzen, zum Glanz bringen. Ja, darüber werde ich mit Hr. Jakob sprechen. Ich möchte es im Vorbehalt haben und wenn es soweit ist, meine Kohle holen. Ja, so werde ich es angehen! Für diesen Tag machte ich mich besonders schick.

Ich traf Hr. Jakob an diesem Tag nicht. Und nicht morgen und übermorgen auch nicht. Hr. Jakob war krank. Eine innere Spannung umgab mich und das Einzige, was half, war: Gitarre spielen. Ich musizierte in jedem freiem Augenblick, textete die Songs und erhoffte mir: Du kommst groß raus! Kurze Zeit danach war ich froh wegen dieser Phase. Ich erfuhr, dass Hr. Jakob wieder im Dienst sei. Ich nahm meine Gitarre, meine Musikstücke und ging nach dem Feierabend zu ihm.





Du musizierst, so, so“, schaute er doof auf die Noten.

Ich verstand, ich bin falsch. Hr. Jakob suchte nach Zahlen, nach Bauplänen, aber Notenschlüssel half ihm nicht weiter. Ich probierte mich durchzuboxen:“ Das sind wirklich gute Sachen!“

Ja, ja glaube ich. Alles ist möglich. Versuche eine Plattenfirma zu finden und komm dann vorbei. Wir schauen, dann was sich machen lässt.“

Ich wurde entschlossen: Dir werd’ ich’s zeigen! Ich ging wie aus der Kanone geschossen raus, rot im Gesicht, den Mund zusammengepresst. Den Schrei für mich behalten! Ich dachte für mich: Es ist blöd! Ich hielt stolz meine Blätter und mein Instrument: Dies gehört mir! Und ich eilte nach Hause. Beinahe stolperte ich über ein Straßenkind. Es saß kurz vor der Bankeingang auf der leeren Straße, etwas vernachlässt, mager, mit wirrem Haar. Es blickte mich mit großen, brauen Augen an und ich sah eine Träne auf seiner Wange.

Wo kommst du her, wo ist dein Zuhause?“

Das Kind zeigte auf die Kirche gegenüber.

Gehst du immer hin? Alleine?“

Es nickte und schaute mich weiterhin treu an. So arm und lieb.

Ich hatte ein starkes Gefühl für das Kind und das Bedürfnis, etwas zu tun. Ich nahm meine Gitarre, setzte mich zum ihm und spielte für eine Spende. Für eine kleine Geldspende.








Eine Kindheit



Der Wald, an dessen Rand ich lebte, war klein. In diesem kleinen, dunklen Wald gab es ein paar Fuchshöhlen und eine richtig große Linde. Und auf diese Linde wäre ich gerne hochgeklettert. Ich wollte mich in ihrer Krone verstecken, fest zwischen den Ästen sitzen und die Realität mit einem Traum austauschen. Ich wollte dort in Ruhe die Welt von oben anschauen, auf meine Mutter, meinen großen Vater und meine Schwester blicken. Und Gott näher sein. Vielleicht hätte er mich dann gesehen, wenn ich da oben gewesen wäre. Vielleicht hätte er meinen größten Wunsch in meinen Augen gesehen: der Krieg sollte aufhören. Ob er mich verstanden hätte? Und das auch gemacht hätte? Das wusste ich nicht. Ob es ihm wichtig war, dass ich keine Sorge habe? Meine Mutter sagte immer, er liebt uns und deshalb hat er uns geschaffen, damit wir im Leben lernen. Aber ich hatte Angst, so zu leben und so zu lernen, weil ich immer dachte: beim nächsten Schuss bin ich tot. Oder meine Schwester könnte verletzt werden. Oder der Vater im Krieg. Und ich war sehr traurig, weil meine Oma starb. Ich wusste nicht, was sie mir sagen wollte, als sie es zuletzt versucht hat: „Es wird…“ Vielleicht wollte sie sagen: „Es wird bald das Schießen aufhören…“ Und sie schloss dann ihre Augen ganz, ganz langsam und atmete tief aus. Ich starrte steif in das blasse Gesicht. Ohne Tränen oder ohne den Schrei. Ich verstand es nicht. Im meinem Herzen lebte sie weiter. Ich spürte den Liebeshauch, den sie mir schenkte. Auch wenn ich mich mit meiner Schwester unter die Decke verkroch und die Ohren zudeckte. Die Oma war da. Und Mama und Papa auch.


Einmal sind wir gleich beim ersten Schuss in den Keller gerannt, um uns zu verstecken. Meine Schwester weinte ganz leise unter der Decke. Und zitterte. Ich zitterte auch. Und mein Herz pochte sehr schnell. Wir befürchteten, dass jederzeit etwas auf uns stürzen wird. Ich traute mich nicht, zu rufen. Ich hörte meinen eigenen Atem und den meiner Schwester. Hat uns unsere Mutter verlassen? Sind wir ganz alleine in dieser Dunkelheit und der Kälte? Dann schüttelte ein gewaltiger Donner die Erde. Jetzt ist es vorbei, jetzt bin ich tot, dachte ich. Ich tastete vorsichtig mein Körper ab und merkte: Ich lebte. Und nichts tat weh. Außer die Ohren. Ich hörte nichts und spürte einen stumpfen Schmerz in meinen Ohren. Das Beben der Erde hörte dann auf. „Darf ich jetzt raus?“ fragte ich, aber hörte mich nicht fragen. Die Stille, die weh tut. Ich zog die Decke von uns runter und sah meine Schwester weinen. Plötzlich wurde ich von Angst überwältigt und ich hörte mich selbst schreien. „Mama, Mama!“ rief ich und hielt meine Schwester ganz fest an der kalten Hand. Die Hand, welche uns dann berührte, war warm und groß. „Mama, ist es vorbei?“ „Ich glaube ja“, antwortete sie vorsichtig. Ihr Gesicht hatte sehr viele Falten. Seit der Vater fort gewesen war, sprach sie nicht viel. Aber sie hielt uns sehr oft fest in ihren Armen, als ob sie sagen wollte: „Ich beschütze euch.“ Und in diesem Augenblick umarmte sie uns auch sehr fest. Ich merkte, wie sie seufzte und ihre Tränen abwischte. Ich weinte bitterlich. Ich bat ernsthaft:“ Lieber Gott lass Frieden kommen!“ Und seit diesem Tag hörte ich auf, zu schreien.

Doch der Frieden kam nicht so einfach. Es wurde sehr oft geschossen, viel Blut goss auf die Erde, es waren viele Tote und viele Verletzte: geistig Verwirrte, körperlich Behinderte. Mein Vater wurde auch verletzt und nach Hause gebracht. Ich weiß nicht, wozu ich mich zählen sollte. Irgendwie war ich tot. Mit meinen 10 Jahren konnte ich weder lachen noch weinen. Aber ich wurde vernünftig. Ich versorgte dann meinen Vater. Er erzählte mir, dass sich der Krieg seinem Ende nähert. Zu spät, meinte ich. Aber ich sagte nichts. Ich musste es geduldig abwarten. Sogar meine Hoffnung auf Ruhe, auf Frieden wurde wie ein Strohhalm, der den Winter überlebt hat und durch Feuchtigkeit und Kälte umknickte. Gebrochen, sich zu Boden neigend, schwach und zitternd wurde meine Hoffnung. Der letzte, kleine Strohhalm war meine Hoffnung. Und diese war jeden Augenblick bereit, sich in Luft aufzulösen, wie ein blasser Schimmer.

Ich wusste nicht, was mich am Leben hielt. Es schien mir, dass ich nur vegetierte. Und nicht nur ich. Viele Leute im Dorf lebten und warteten auf die nächste Stunde. Warteten auf eine gewisse Stunde, die ohne jaulende und grelle Geräusche von den Wäldern sein wird, ohne Geräusche, die töten.


Doch der Frieden kam nicht so einfach. Die Wunde meines Vaters heilte sehr langsam. Und ich hörte ihn laut stöhnen. Meine Mutter hat immer einen Tee aus Brenneseln gekocht, dem Einzigen, das es in Mengen gab und das helfen konnte, sein Blut zu kräftigen. Ich trank mit meinem Vater im Keller den Tee. Ich saß an seines Bettes Rand und hörte ihm zu, als er vom Krieg und seinen Freunden sprach. In diesen Stunden schien es mir, es sei ein harmloser, gerechter Krieg. Mein Vater sprach von der Brüderlichkeit, die sie erlebten und der Freiheit, für welche sie kämpften. Trotzdem war ich unsicher.

Ich fragte meinen Vater: „Könnte man das nicht im Frieden erleben?“ „Schwer, fast unmöglich heut zu Tage“; sagte er. Ich verstand es nicht und es war mir schwer, ihm zu glauben. Ich war aber still.

Doch der Frieden kam nicht so einfach. Ich bat jeden Abend den lieben Gott, dass ich morgen aufwache und dass meine Familie lebt. Wir hungerten am Rand des Waldes und lebten von sparsam aufgeteiltem Essen. Meine Mutter sammelte Holz für das Feuern und wir saßen neben dem Vater und hörten ihm meistens still zu. Meine kleinere Schwester fiel manchmal ins Weinen und konnte sich nur schwer beruhigen. Mein Vater sagte immer stöhnend. „Es wird alles gut.“ Ich wusste nicht, was ich glauben soll. Ich schaute auf die unebene Decke über mir und suchte nach Figuren im Schatten. Die Tage waren kurz und trüb. Die Zeit verging langsam.

Die Schüsse waren dann etwas weiter entfernt und die Besuche von Soldaten waren seltener. Oft war es sehr kalt und wir blieben im kleinsten Raum beim Ofen. Unsere Tante kam manchmal zu uns und sie erzählte wirres Zeug. Ich hielt meine Ohren zu und meine Mutter bemühte sich, dass sie bald weggeht. Sie erklärte uns, die Tante sei verrückt geworden. Und der Winter war sehr kalt und nass.

Irgendwann im Winter, als die Erde müde war, hörte der Krieg auf. Aber der Vater bekam eine Lungenentzündung. Meine Schwester und ich mussten wegen der Ansteckungsgefahr zu den Nachbarn gehen. Ich hatte mir überlegt, im Frühjahr, wenn es wärmer wird, zurück zu kommen. Ich spielte nicht mit den Nachbarskindern, ich redete kaum, sondern starrte auf die Decke. Meine Schwester weinte des Öfteren, auch weil sie Sehnsucht nach unserem Zuhause hatte. Ich nicht. Ich blieb still. Eine alte Frau brachte mir das Stricken bei. Mühsam versuchte ich, die Wolle durch die Masche zu ziehen und saß brav da. Diese Frau war ein zartes Wesen, ich merkte es trotz der Nachkriegshärte. Sie erzählte manchmal Geschichte für uns Kinder. Viele davon weiß ich bis ins Detail. Es ging meistens um liebe und brave Kinder. Und alle Geschichten waren schön. Eine hat mir besonders gefallen:



Ein Mädchen hatte keine Eltern, sie wuchs mit ihrer Oma in einem kleinen Häuschen auf. Keiner wusste genau, ob die Eltern von dem Mädchen noch lebten und falls ja, wo. Man konnte Geschichten hören wie: Sie sind ausgewandert; die Mutter ist gestorben und der Vater hat neu geheiratet oder sie beide sind beim einem Zugunglück ums Leben gekommen und Ähnliches. Trotzdem war das ein ganz fröhliches Mädchen, sodass es ihrer Oma oft etwas gesungen hat. Manchmal hat sie die Lieder selbst erfunden und sich selbst damit begeistert. Wenn ihre Oma wegen Schmerzen oder wegen des Alters ihre Ruhe haben wollte, pflegte sie zu sagen: „Irina, geh zur Quelle und hole uns Wasser“. Und Irina ging munter den kurzen kurvigen Weg bis zur Quelle, zu ihrem Königsreich. Da konnte sie laut, so laut wie sie wollte, in einer Höhle singen und pfeifen und es hörte sich so wunderbar an! Sie glaubte, auch ihre Eltern konnten es hören, egal wo sie waren. So bemühte sie sich, noch schöner und kräftiger zu singen, sodass rund um die Quelle ihr Echo klang. Sie hatte eine wunderschöne, klare Stimme.

Eines Tages ging sie etwas besorgt zur Quelle. Ihre Oma war krank. An dem Tag sang sie traurig in die Höhle hinein. Das Wasser plätscherte ihr eine Antwort, die sie nicht verstand. Sie nahm etwas Wasser in ihr Gefäß und blieb etwas für sie ungewöhnlich lange bei der Quelle stehen. Plötzlich hörte sie aus der Höhle einen genauso schönen Gesang. “Wer bist du?“ fragte sie neugierig und vergaß in dem Augenblick ihren Kummer. Sie schaute tief in die Dunkelheit und sah eine Fee, die ihr entgegen schwebte. Irina streckte ihr die Hand hin. Das war nicht eine einfache Fee, nein, nein. Diese Fee war die beste Sängerin von allen Feen und war eine einsame Fee, weil alle auf sie neidisch waren. So hat sie sich eine Freundin gewünscht, so stark gewünscht, dass es nichts anderes als in die Erfüllung gehen konnte. Und die Fee schwebte in Irinas dunkles Haar. Die Fee verschwand im Haar, weil sie an die Dunkelheit gewöhnt war. Sie flüsterte in Irinas Ohr, dass sie sich so sehr eine gute Freundin wünscht. Irina wünschte sich das auch. So entschlossen sich die Beiden, zusammen zu bleiben.

Irina brachte das Wasser nach Hause, verriet der Oma ihr Geheimnis. Ihre Oma verstand es. Sie empfahl Irina, öfter als sonst zur Quelle zu gehen, damit die Fee immer, wenn sie Sehnsucht nach ihren Freunden hatte, sie auch besuchen konnte. So ging es einige Zeit ganz gut. Irina und die Fee sangen nur bei der Quelle zusammen. Die Fee war manchmal mit Irina zusammen, manchmal bei ihren alten Freunden.

Eines Tages wurde ihre Oma ernsthaft krank. Irina hatte Angst um sie. Ihr Onkel und Tante, der Pfarrer und viele aus dem Dorf waren da, um sie aufzumuntern. Aber Oma ging es nicht besser. Abends, als die erste Dämmerung traf, bat die Oma die Fee, dass sie ihr mit Irina etwas vorsingt. Das war das erste Mal, dass die Fee außerhalb der Höhle sang. An diesem Abend schlief Irnas Oma friedlich ein. Die Fee, die inzwischen an die Helligkeit gewöhnt war, entschloss sich, zu Irina ins Häuschen zu ziehen und für sie da zu sein. Sie wurde ihr die beste Freundin aller Zeiten.



Ich träumte auch von einer Fee, ich sah sogar manchmal eine an der Decke über mir. Ich war sicher, sie sei meine beste Freundin, die mir ruhig hilft, den Zustand auszuhalten. In Gedanken übertrug ihr meinen täglichen Kummer. So glaubte ich, sie wisse, dass ich sehr traurig bin, weil meine Oma starb. Oder, dass ich Angst um Vater hatte und ihn und meine Mutter vermisste. Ich verspürte manchmal einen schwachen Wind in meinem Haar und ich wusste: Sie ist bei mir, sie gibt mir Halt.


Meine Schwester hat aufgehört, oft zu weinen und sie erzählte mir, dass die Erwachsenen klagen, der Krieg hat länger gedauert und mehr Schaden angerichtet, als sie vermutet hatten. Ich konnte Erwachsenen nicht zuhören. Ich mied alle außer der alten Oma und meine Schwester. Und meine Fee natürlich.

Die Tage wurden länger und heller, und sie lockten die Menschen zur Arbeit. Ich arbeitete mit, was ich konnte. Zu dieser Zeit hoffte ich schweigsam, meine Fee wäre bei mir. Ich merkte die Ernste des Lebens, was anderes kannte ich nicht. Mein Vater hatte dann gehört, sein bester Kammarad ist umgekommen. Er wurde sehr traurig und als es ihm selbst besser ging und ich ihn besucht hatte, sah ich Tränen in seinen Augen. Ich zog mich danach oft zurück und beobachtete die Decke.


Meine Schwester bot mir einmal an, zusammen in unserem Wald Schneeglöckchen für unsere Eltern sammeln zu gehen. Wir fanden ganz viele und ich wunderte mich, dass diese Blume den Krieg überlebt hat. Wir brachten sie den Eltern und sie erlaubten uns, nach Hause zurück zu kommen. Wir halfen dann der Mutter und dem noch schwachen Vater, den Hof zu richten. Mit der Mutter arbeiteten wir im Feld. Und immer, wenn ich Zeit hatte, ging ich in eine Ecke im Haus und suchte meine Fee an der Decke. Und ich fand sie; ich fand mein Trost. Ich war mir sicher: Keiner verstand mich außer sie; Keiner hatte Zeit und Kraft, meine Seele aufzubauen und nur sie stand mir bei.


Dann kam der Sommer und wieder der Winter, der Erinnerungen aufleben ließ und meine starken Erlebnisse zum Vorschein brachte. Ich zog mich oft zum Ofen zurück; mucksmäuschenstill versuchte ich, zu stricken und hoffte, meine Fee wäre da. Ich wollte nur die Ruhe spüren und die Gewissheit haben: Es ist das Ende des Elends. Meinen Eltern und meiner Schwester ging es relativ gut, sie saßen oft zusammen und erzählten. Die Nachbars Oma besuchte uns und brachte uns eine Panflöte. Meine Schwester pustete oft hinein. Und einmal, einmal während sie spielte, spürte ich, wie sich meine Brust mit viel, unheimlich viel Luft füllt, sodass ich von der Stelle hoch gehoben wurde, ich rannte in die Ecke, verdeckte mein Gesicht mit den Händen und…weinte.

Und es verging noch ein Sommer und noch ein Winter. Ich strickte inzwischen ziemlich gut und mochte die Stille und Einsamkeit. Ich guckte weiterhin oft an die Decke. Dann sah ich plötzlich zwei Feen über mir, zusammen, Hand in Hand und mich anlächelnd. Ich wurde glücklich wegen dieser Entdeckung. Ich lächelte zurück und dankte ihnen, dass sie mir geholfen haben, den Frieden zu erleben.